Freitag, 11. September 2009

Verfassungsrichter zu den anonymen Bloggern

In einer vielbeachteten Rede hat sich der bekannte Verfassungsrichter Udo di Fabio auch mit dem neuen Phänomen des Bloggens und des Twitterns auseinandergesetzt.
Nicht erst seit den schlimmen Vorfällen in Schwalmtal, als sich ein vermeintlich anonymer Blogger über Twitter in der ganzen Welt meldete, um seinen unausgegorenen Senf beizutragen, wissen wir, welche Gefahren von solchen Wichtigtuern ausgehen.
Di Fabio führte aus :
„Wer anonyme Netzwerke als Wissens- und Meinungsproduzenten vorbehaltlos akzeptiert, wird auch schnell den Sinn für Urheberrechte des Schriftstellers oder des Künstlers verlieren, genauso rasch wie deren Kunstfertigkeit ein Muster ohne Wert wird. Wo alles auf Klick verfügbar scheint, entsteht eine Kultur der solipsistischen Verfügbarkeit, die selbst den gefährlichen Anspruch der Demokratie, die Lebensverhältnisse der Bürger vollständig gestalten zu können, wenn nicht überbietet, so doch nachdrücklich stärkt. Nicht mehr die Bürger, die mit ihrer Arbeit, ihrem gebildeten Verstand das Publikum als eigentliches Subjekt der öffentlichen Meinung bilden, sondern der ununterbrochene Strom eines Konglomerats aus Kommerz und Emotion, aus Information und Unsinn, aus gesteuerter Ordnung und wildem Zufall wird zum Herrschaftssubjekt, tauscht die neuen Ideale der Direktheit, des unmittelbaren Effekts, auch der totalen Gleichheit des Zugangs gegen den Anspruch, die Welt nach Menschenmaß in einem diskursiven Prozess, mit Mehrheit in einem förmlichen Verfahren demokratisch zu gestalten.“
Und weiter :
„Aber wie ist es heute? Wer schreibt für Wikipedia, das jeder Schüler als digitales Lexikon ohne zu zögern konsultiert? Warum zeigt sich das Gesicht der Kommunikationsteilnehmer nicht offen im Netz - ist die mittelalterlich anmutende Burka im Straßenbild auch europäischer Städte denn wirklich so weit entfernt von den hypermodischen Twittern und „Newsbotsern“? Der freie Mensch der Neuzeit zeigt sein Gesicht, gibt seinen Namen preis, wenn er die Bühne des öffentlichen Raumes betritt.“
Recht hat er !

Kommentare:

  1. Das Bloggen als eine moderne Form des Austauschens von Gedanken und Erfahrungen sowie der unkomplizierten Kommunikation zwischen Menschen bietet eine nahezu unerschöpfliche Quelle an Informationen.
    Es bedingt aber auch, dass der Nutzer derartiger Informationen in der Lage ist, mit gesundem Menschenverstand die "Spreu vom Weizen" zu trennen und nicht alles Geschriebene für das allein Wahre ansieht. Zu oft hört man schon jetzt den Ausspruch "Aber es steht doch im Internet!"

    Viele Blogger schreiben, weil sie Spaß daran haben und weil sie eigene Erlebnisse und Begebenheiten für sich festhalten wollen. Andere schreiben, weil sie ihren Wissensschatz zu einem bestimmten Thema anderen zugänglich machen wollen oder aber auch aus beruflichen Gründen – diese Blogger haben keinen Grund anonym zu schreiben, was sie tun ist legal und wird oft von einer großen Leserschaft angenommen. Das trifft gleichermaßen für die Kommentatoren auf diesen Blogs zu.

    Anders verhält es sich bei einer ganz bestimmten Gattung a n o n y m e r Blogger, die die Möglichkeit der freien Information für unzulässige Schmähkritik benutzen und sich mit anonymen "Diskussionsteilnehmern" umgeben.
    Meistens gibt es ein oder mehrere "Opfer", deren Identität feststeht, und die dem sich anonym wähnenden Mob ausgesetzt sind.
    Die Chance derartig Betroffener sich in einer sachlichen Diskussion mit den anonymen Teilnehmern auseinanderzusetzen, ist gleich NULL.

    Den Bloggern, die ein solches Szenarium initiieren, die beleidigen, verleumden und ihre Opfer an den Rand der beruflichen Existenz drängen, ist ihre rechtswidrige Handlungsweise durchaus bewusst – offensichtlich aber nicht der Fakt, dass auch unter "ANONYM" begangene strafbare Handlungen im Internet verfolgt werden können.

    "Auf zweierlei sollte man sich nie verlassen:
    Wenn man Böses tut, dass es verborgen bleibt; wenn man Gutes tut, dass es bemerkt wird."
    (Ludwig Fulda, dt. Bühnenautor, 1862-1939)

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  2. Anonymes Bloggen bzw. die anonyme Verbreitung von Informationen sellt unter gewissen Umständen nichts weiter als eine Art von Waffengleichheit her: Die Macher der "Nutzlosbranche" verstecken sich hinter einem undurchsichtigen Firmengeflecht, tauchen ab im Ausland und hinter dicken Mauern - sie sind praktisch nicht auffind- und angreifbar. Wird ein Kritiker zu aufmüpfig und gefährdet deren Geschäft, werden nicht nur Mittel des Law-Huntings angewandt, um ihn mundtot zu machen, sondern auch illegale Mittel wie Online-Stalking, Falschbezichtigung einer Strafttat und mehr. Jens Unterkötter weiß ein Lied davon zu singen: Massenhafte Bestellungen in seinem Namen waren noch das harmloseste, breit angelegte eMail-Kampagnen zur Rufschädigung schon viel schlimmer, und es gipfelte in einer Amok-Drohung, die unter seinem Namen verbreitet wurde - was tatsächlich am Ende zu einer Hausdurchsuchung führte.

    Aufklärung über diese Abzockmethoden kann also Ruf, Karriere und Gesundheit ruinieren.

    Wie man sieht, arbeitet diese Abzockbranche mit mafiösen Strukturen und Mitteln. Trotz zehntausender Strafanzeigen machen sie ungehindert weiter, Staatsanwälte und Richter tun sich mehr als schwer, das zu unterbinden.

    Es ist aber absolut notwendig, Wahrheiten, auch über diese Machenschaften, so kommunizieren zu können, dass man sich nicht unmittelbar einer Gefahrensituation aussetzt. Das ist leider in diesem Fall nur anonym möglich.

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